Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen Rheinland-Pfalz e.V.
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Seite drucken   Aktuelles  |  Meldungen  |  30.07.2013

Mitarbeiter der ASVO Notteroy AS und des DRK-Sozialwerks 
© DRK-Sozialwerk
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Norweger interessieren sich für Werkstattarbeit

In den Werkstätten des DRK-Sozialwerks in Bernkastel-Kues informierten sich zwei Tage lang 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ASVO Notteroy AS -einer Werkstatt für behinderte Menschen aus Notteroy (Norwegen)- über deren Arbeit

Der Besuch im Mai war Anlass und Möglichkeit zum intensiven Austausch von Erfahrungen in der Arbeit mit und für Menschen mit Behinderungen in Rheinland-Pfalz und in Norwegen.
Neben den zahlreichen, unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen aufgrund der unterschiedlichen Sozialsysteme, gab es jedoch auch eine Menge geteilter ideeller Grundüberzeugungen. So gehören Inklusion, Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und Selbstbestimmung zu den Paradigmen der Arbeit der Kollegen aus Norwegen ebenso wie zu den konzeptionellen Zielen der Behindertenhilfe in Deutschland.
Allein der Weg dorthin wird auf unterschiedliche Weise beschritten.
Die skandinavischen Länder - insbesondere Norwegen - gelten in Europa als Vorreiter in ihren Bemühungen um Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Im Rahmen der „Verantwortungsreform" hatte Oslo bereits 1991 Großeinrichtungen aufgelöst und eine individuelle Betreuung durch Assistenten eingeführt.
Im Bereich des Wohnens wurden sukzessive große, zentrale Einrichtungen abgeschafft. Heute fördert Norwegen vielmehr dezentrales Einzelwohnen und kleine Wohneinheiten. Familien von Menschen mit Behinderung, die dies nicht nutzen möchten, haben Anspruch auf ein pauschales Betreuungsgeld. Ab dem 18. Lebensjahr nimmt ein Großteil der jungen Erwachsenen mit Behinderung den Anspruch auf eine Wohnung von mindestens 50 qm pro Person - unabhängig vom Einkommen der Familien - wahr. Finanziell sind Menschen mit Beeinträchtigung darüber hinaus durch eine Grundrente abgesichert.
Dass die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft damit allein nicht umgesetzt ist, sondern die Betroffenen sich in ihren Wohnungen oft einsam fühlen und auf Angebote von ambulanten Diensten angewiesen sind, ist eine Erfahrung, die von Praktikern hierzulande geteilt wird.
Es besteht somit eine soziale Absicherung der Menschen mit Behinderung, die Möglichkeiten zur Teilhabe am Arbeitsleben sind jedoch begrenzt. Einen expliziten Rechtsanspruch auf Teilhabe am Arbeitsleben – wie in Deutschland - gibt es in Norwegen nicht. Alle Personen die entsprechende Unterstützungsangebote nachfragen, können nicht berücksichtigt werden.
Schwerstmehrfachbehinderte Menschen und Menschen, die aufgrund einer Behinderung einen relativ hohen Hilfebedarf haben, nehmen in Norwegen tagesstrukturierende Angebote in sogenannten Aktivitätscentern in Anspruch.
Hier stehen – stunden- oder tageweise - Aktivitäten wie Basteln, Kochen, Nähen und Gruppenaktivitäten im Vordergrund.
In Deutschland hingegen wird dieser Personenkreis meist in klassischen Werkstätten betreut und gefördert.
Die Mitarbeiter des DRK-Sozialwerks gaben ihren norwegischen Kollegen im Verlauf des Besuches umfangreiche Einblicke in die Arbeitsweisen und Rahmenbedingungen in einer deutschen Werkstatt für behinderte Menschen. Vom diagnostischen Testverfahren HAMET (Instrument zur Fähigkeitsdiagnostik), welches Grundlage einer gezielten und individuellen beruflichen Bildung ist, über die systemische Ausrichtung der Betreuungsplanung und deren Umsetzung bis hin zu den Möglichkeiten des Integrationsdienstes der WfbM, um den Werkstattbeschäftigten einen begleiteten Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
Eine Vielfalt an Arbeitsangeboten ermöglicht den betreuten Menschen die Wahl zwischen verschiedensten Arbeitsfeldern und somit eine Verwirklichung je nach individuellen Fähigkeiten und Interessen. Ein Wechsel der Tätigkeitsbereiche ist zudem jederzeit und unbürokratisch möglich. Durch gezielte, individuelle Förderung und Unterstützung erbringen die Menschen mit Behinderung in den verschiedenen Arbeitsbereichen der WfbM anspruchsvolle Dienstleistungen und erzeugen qualitativ hochwertige Produkte, die den Vergleich mit Mitbewerbern des freien Marktes nicht scheuen müssen.
Ein Aspekt, der in erster Linie den betreuten Menschen zugute kommt und ihnen Selbstbewusstsein sowie Anerkennung vermittelt.
Bemerkenswert fanden die Mitarbeiter des DRK-Sozialwerks wiederum den Personalschlüssel, mit dem in norwegischen Werkstätten gearbeitet wird: Auf je fünf Menschen mit Behinderung kommt dort eine pädagogische Betreuungskraft! Eine enge, intensive Betreuung und Förderung scheint hierüber wesentlich leichter zu realisieren. Die Werkstättenverordnung hingegen sieht im Rahmen der Betreuung in deutschen WfbMs für den Arbeitsbereich einen Schlüssel von lediglich 1:12 vor.
Geschäftsführer Christian Johann zieht eine positive Bilanz des Besuchs: „Die Rückmeldungen der norwegischen Gruppe sehe ich auch als Bestätigung dafür, dass wir beim DRK-Sozialwerk gut aufgestellt sind. Wir beschreiten zielgerichtet den Weg des Inklusionsgeschehens in Rheinland-Pfalz."
„Ohne Zweifel war der Besuch inspirierend und lehrreich" stellt die Geschäftsführerin lngunn Rogstad fest, die mit ihrem Team im weiteren Verlauf des Besuchs an der Mosel ein Konzept für die kommenden fünf Jahre erarbeitete, in welches die gewonnenen Eindrücke und Anregungen einfließen.
Inwieweit dieses Konzept schon umgesetzt sein wird, kann eine Delegation des DRK-Sozialwerks bereits beim Gegenbesuch im nächsten Jahr sehen!

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