Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen Rheinland-Pfalz e.V.
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Seite drucken   Aktuelles  |  Meldungen  |  27.04.2016

40 Jahre LAG WfbM RLP  
© LAG WfbM RLP
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40 Jahre Landesverband der Werkstätten in Rheinland-Pfalz

Mit einem hochkarätig besetzten Fachtag werden wir am Dienstag, den 3. Mai 2016, unseren 40. Geburtstag begehen. Lesen Sie aus diesem Anlass ein Interview mit unseren Landesvorsitzenden Marco Dobrani.

Die Fachvorträge und Workshops thematisieren die Entwicklungstendenzen der Sozialpolitik in Deutschland sowie die Herausforderungen für die Werkstätten und ihre Beschäftigten in der Wirtschaft 4.0. Veranstaltungsort für diesen Teil der Veranstaltung ist das Bildungszentrum des Bistums Mainz, der Erbacher Hof. Mehr als 200 Teilnehmer aus Wissenschaft, Praxis und interessierter Öffentlichkeit haben sich hierfür angemeldet.

Aus Anlass des Jubiläums hat der Landesvorsitzende Marco Dobrani das nachfolgende Interview gegeben:

1. Werkstätten gibt es überall im Lande. Warum wurden sie ursprünglich geschaffen?
Werkstätten wurden Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre gegründet, um Menschen mit Behinderung eine Beschäftigung, Betreuung und Tagesstrukturierung zu ermöglichen und um ihre Familien zu entlasten. Der Arbeitsmarkt hat leider damals schon Menschen mit geistiger Behinderung weitgehend ausgeschlossen. Ihre Arbeitskraft galt als unproduktiv und daher als nicht wirtschaftlich und wurde in der Folge von den Arbeitgebern nicht nachgefragt. Eine Situation, die sich auch trotz der zahlreichen Meldungen über niedrige Arbeitslosenquoten auch heute in unserem Land für diese Menschen nicht wesentlich geändert hat. Im Gegenteil, die Zahl der arbeitslosen schwerbehinderten Menschen in Rheinland – Pfalz ist gegen den Trend gestiegen und liegt zurzeit bei 7.000.
Die in Werkstätten konzipierten und organisierten Arbeitsangebote ließen demgegenüber auch Menschen mit schweren und schwersten Einschränkungen mitarbeiten. Das ist auch heute noch bundesweit einer unserer Kernkompetenzen: Menschen mit schwersten geistigen, psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen ein passgenaues Beschäftigungsangebot zusammenzustellen: individuell, maßgeschneidert auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen!

2. Was meinen Sie mit der Zusammenstellung eines Arbeitsangebots – wie genau muss man sich das vorstellen?
Im Gegensatz zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen als eingeschränkte und defizitäre Menschen arbeiten wir von Beginn an mit den jeweiligen Stärken und vorhandenen Fähigkeiten der Menschen.
Wir fragen nicht, was dieser Mensch alles nicht kann, sondern: zu welcher Arbeitsleistung er trotz seiner Behinderung fähig ist. Wie müssen wir sie/ihn unterstützen, ausbilden und fördern damit sie/er Ihre/seine Fähigkeiten bestmöglich einsetzen und entfalten kann? Im Gegensatz zu Betrieben der Erwerbswirtschaft müssen wir die Arbeits- und Bildungsprozesse entlang den Fähigkeiten der behinderten Menschen organisieren. Diese sind sehr unterschiedlich und vielschichtig. Somit stellt die Suche und die spätere Anpassung der Arbeit und der jeweiligen Arbeitsprozesse eine große Herausforderung dar.
Wir leisten gerade hierbei sehr viel Positives. Gemeinsam mit den Menschen mit Behinderung planen und organisieren wir den Arbeitsprozess. Dabei gehen wir immer wieder auf sich verändernde Bedürfnisse ein und passen den individuellen Rehabilitationsprozess regelmäßig an. Vor diesem Hintergrund sind wir der festen Überzeugung ein sehr adäquates und gut funktionierendes Werkstattmodell für beeinträchtigte Menschen deutschlandweit anzubieten. Dies wird uns auch immer wieder bei Besuchen in vergleichbaren Rehabilitationszentren im europäischen Umland bestätigt.

3. Wie haben sich die Werkstätten in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert?
Der Wandlungsprozess war schon enorm: Ging es in den Gründerjahren darum , Angebote aufzubauen und die Not möglichst vieler Menschen mit Behinderung erstmal einzudämmen, werden die Beschäftigungs- und Bildungsangebote heute sehr viel individueller, differenzierter und dezentraler organisiert.
Neben den klassischen Arbeitsangeboten und Arbeitsgruppen innerhalb der Werkstätten, die im Laufe der Jahre immer vielsichtiger und differenzierter ausgestaltet und weiterentwickelt wurden, spielen Beschäftigungsangebote in ganz unterschiedlichen Settings eine immer größer werdende Rolle: so entstehen vermehrt kleinere Beschäftigungseinheiten und die Platzierung der Beschäftigten in Betrieben der Erwerbswirtschaft nimmt eine immer größer werdende Rolle ein. Praktika in Unternehmen oder gar dauerhaft eingerichtete Außenarbeitsplätze in Gruppen oder als Einzelarbeitsplätze machen unsere Arbeitsangebote noch interessanter und durchlässiger für den Menschen mit Behinderung. Der Beschäftigte ist dabei weiterhin Angehöriger der Werkstatt, geht aber de facto im Unternehmen außerhalb der Werkstatt seiner Beschäftigung nach. Im optimalen Fall übernimmt das Unternehmen dann den Beschäftigten nach gewisser Zeit ganz. Alle Angebote zur beruflichen Bildung und zur Persönlichkeitsförderung, die die Menschen mit Behinderungen neben der Arbeit als sogenannte arbeitsbegleitenden Leistungen erhalten, können Sie dann weiterhin in der Werkstatt wahrnehmen.
Diese Entwicklung ist ein schönes Beispiel unter vielen für die Wandlung der einst beschützenden Werkstatt hin zu einer modernen, auf Teilhabe, Bildung und Durchlässigkeit gerichteten Werkstattkonzeption. Der Beschäftigte hat eine immer größer werdende Wahlfreiheit und bestimmt idealerweise selbst über seinen Arbeitsinhalt und den Beschäftigungsort. Natürlich immer unter Berücksichtigung seiner Interessen und seiner Fähigkeiten.

4. Wie begegnen Sie dem Vorwurf, Werkstätten seinen ein Hemmschuh für Inklusion?
In diesem Zusammenhang wird spezialisierten Einrichtungen, wie es die Werkstätten nun einmal sind –genauso wie Förderschulen oder Wohneinrichtungen – immer wieder vorgeworfen, dass sie den Inklusionsprozess, wie es die Konvention der Vereinten Nationen fordert, behindern. Das ist meiner Meinung nach eine sehr ideologische Diskussion, die an der Realität der Menschen mit geistigen, psychischen und schweren sowie schwersten Beeinträchtigungen vollkommen vorbei geht.
Die Arbeitskraft dieser Menschen wird noch immer nicht von der Wirtschaft spürbar nachgefragt, da sie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht ökonomisch ist. Das wird sich auch in Zukunft nicht großartig ändern. Wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft, die aussortiert und ausgrenzt. Das ist leider die Realität.
Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, die gut ausgebildet und erwerbsfähig sind, oder Menschen mit leichteren intellektuellen oder psychischen Beeinträchtigungen haben verständlicherweise weitaus bessere Chancen eine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Dieser Personenkreis zählt aber in der Regel nicht zu dem Klientel der Werkstätten.
Werkstätten sind also nicht verantwortlich für mangelnde Inklusion. Um die propagierte Inklusion zu erreichen müsste sich unsere Gesellschaft radikal wandeln. Das geht nur schrittweise und hat ihre Grenzen. Werkstätten können und müssen ihren Beitrag zu mehr Inklusion leisten indem sie individuelle, differenzierte und durchlässige Bildungs- und Beschäftigungsangebote vorhalten und sich an den Bedürfnissen und Interessen der Menschen ausrichten. Das macht eine gute Werkstattarbeit heute aus.

5. Die Zukunft der Werkstätten!
Vor welchen Herausforderungen stehen sie?
Werkstätten müssen sich in der eben beschriebenen Form flächendeckend weiterentwickeln. Es gibt heute bereits viele Werkstätten, die das vorbildlich umsetzen. Neben dem klassischen Werkstattangebot müssen Werkstattträger auch andere Arbeitsmarktdienstleistungen und Integrationsunternehmen sowie Angebote für die immer älter werdenden Menschen mit Behinderungen in ihrem Angebotsportfolio integrieren, um passgenaue Angebote leisten zu können. Mit dem breiten Netzwerk der Werkstätten und den hervorragenden Kontakten zur heimischen Wirtschaft können Brücken auf den ersten Arbeitsmarkt gebaut werden.
Werkstätten benötigen auch in der Zukunft die Bereitstellung der personellen und finanziellen Rahmenbedingungen, um den qualitativen Standard der jetzigen Arbeit auf dem aktuellen Niveau sichern zu können. Aufgrund der stark defizitären Haushaltslage vieler Kommunen wird das aber in Zukunft nicht leichter werden. Ich hoffe, dass wir uns als Gesellschaft die Förderung der Menschen mit Behinderungen, in der Werkstatt und darüber hinaus, dauerhaft mit dem jetzigen Standard leisten werden. Menschen mit Behinderungen sollen auch in Zukunft die Hilfe und Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um ein möglichst selbstständiges und zufriedenes Leben selbstbestimmt führen zu können.


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