Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen Rheinland-Pfalz e.V.
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Seite drucken   Aktuelles  |  Meldungen  |  04.07.2016

Die Teilnehmer des 5. Jahrestreffens der Arbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Menschen mit erworbener Hirnschädigung kamen aus der ganzen Republik zur Stiftung Scheuern nach Nassau/Lahn. 
© Stiftung Scheuern
© Stiftung Scheuern 

„Zeit das Chaos zu ordnen“

Menschen mit erworbener Hirnschädigung brauchen individuelle Rehabilitation auf dem Weg zurück ins Berufsleben – Ergebnisse des 5. Jahrestreffens der AG WfMeH

Die Stiftung Scheuern hatte als Veranstalter in enger Absprache mit der AG WfMeH ein interessantes Programm für die rund 80 Teilnehmer zu den verschiedensten Aspekten beruflicher Teilhabe speziell für Menschen mit erworbenen Hirnschäden zusammengestellt. Dass die Betroffenen innerhalb der Belegschaft in anerkannten WfbMs aufgrund ihres Behinderungsbilds und ihrer neuropsychologischen Ausgangsvoraussetzungen spezielle Bedarfe haben, war den bundesweit angereisten Tagungsteilnehmern durchaus bewusst. Der fachliche Austausch darüber fand auf überregionaler Ebene zum fünften Mal statt, dennoch gab es zahlreiche zu besprechende Themen für die Werkstätten, in denen sich besondere Arbeitsangebote für MeH gerade etablieren.
Neben dem Beauftragten für die Belange behinderter Menschen in Rheinland-Pfalz, Matthias Rösch, Thomas Umsonst, dem Geschäftsführer der LAG WfbM Rheinland-Pfalz, die beide die politisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen gelingender Inklusion am Arbeitsmarkt im Blick hatten, begrüßte der Geschäftsbereichsleiter Behindertenhilfe der Stiftung Scheuern, Bernd Feix, die Tagungsgäste. Anhand der Entwicklung der Angebote für MeH innerhalb der Stiftung Scheuern zeigte er auf, wie passgenau die Eingliederungshilfe auf die Bedarfe der Betroffenen zugeschnitten sein muss, um größtmögliche Teilhabe in allen Lebensbereichen zu erreichen. Einig waren sich die drei ersten Redner darin, dass es dazu einen langen Atem und politische wie finanzielle Unterstützung braucht, denn bundesweit muss für die Situation von MeH in allen Lebens- und Arbeitsbereichen sensibilisiert werden. Die beiden Regionalgruppensprecher der AG WfMeH, Hannes Müller und Thomas Snider, stellten die aktuellen Themen der Regionen Süd und Ost vor. In der Regionalgruppe Süd sind die inhaltlichen Schwerpunkte Vernetzungsarbeit mit Neuropsychologen und die Weiterbearbeitung des Konzeptes „Arbeitsangebot für Menschen mit erworbener Hirnschädigung (MeH)“; die Regionalgruppe Ost setzte sich intensiv mit der Einbindung von MeH spezifischen Bedarfen in die Bildungsrahmenpläne des Berufsbildungsbereichs auseinander. Ein weiterer Austausch zu dieser Thematik fand auch im Rahmen eines Workshops der Tagung statt. Müller und Snider präsentierten die neue Homepage „www.wfmeh.de“, die die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft gebündelt abbilden wird. Außerdem regten sie im Auftrag der Regiongruppe Nord an, innerhalb der Arbeitsgemeinschaft eine Datenerhebung zu machen, da bislang nur wenige Vergleichsdaten vorliegen. Dies betrifft die Bereiche qualitätssichernder Personalschlüssel, Zahlen zu Betroffenen, die bundesweit auf Leistungen für MeH zurückgreifen, Angebotspalette für MeH in den Reha-,Werk- und Tagesförderstätten und letztlich auch die Bandbreite der beruflichen Bildung und der Rahmenbildungspläne. Das Sprecherteam der AG WfMeH will einen diesbezüglichen Befragungsbogen erarbeiten. Mit Blick auf weitere zukünftige Netzwerkarbeit nahmen sie auch die gemeinsame Präsenz der Bundesarbeitsgemeinschaft BAG Wohnen MeH und der AG Werkstätten MeH auf dem Nachsorgekongress 2017 in den Blick. In die Riege des Sprecherteams wurde auch Bernd Feix als neuer AG WfMeH-Sprecher für die Region Südwest berufen.

Im Rahmen von drei Fachvorträgen aus Medizin, Psychologie und Rehabilitation wurden therapeutische Ansätze und Haltungsfragen gegenüber den Betroffenen zur Diskussion gestellt.
Die Psychologin Rita Crecelius stellte den Tagungsteilnehmern ihren Ansatz zu „Entwicklungsfreundlichen Beziehungen“ vor. Damit ging sie auf die Verknüpfung zwischen analytisch-operativen und befähigenden-kreativen Aspekten der beiden Hirnhälften ein. Insofern komme der sozialen Rehabilitation hirngeschädigter Menschen eine besondere Bedeutung zu, weil über die damit verbundenen Gefühle das Lernen in allen Lebensbereichen für die Betroffenen ermöglicht wird.
Justitiar Dr. Thomas Stähler von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) informierte über die „Phase E der neurologischen Rehabilitation als Brücke zur Inklusion“. Aus der Sicht seiner Organisation sei es notwendig bundesweite Einheitlichkeit zu schaffen für alle Träger in der Betreuung von MeH: Beratungsstandards, Erstellung von geregelten Teilhabeverfahren mit zugehörigem Berichtswesen, strukturelle Datenerfassung zur besseren Auswertung und um damit Verbesserungspotential für die Zukunft zu gewinnen. Auch ging er auf die noch offene Frage ein, welche Rückwirkungen und Verbindlichkeiten die Rechtsprechung auf die Empfehlungen des neu entstehenden Bundesteilhabegesetzes hat, das bislang im Referentenentwurf diskutiert wird.

Der Berliner Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Peter Frommelt erläuterte sein Thema „Narrative Praxis“. Es handelt sich um einen praktischen Ansatz, bei dem Hirnverletzten die Arbeitsmöglichkeiten ihres Gehirns wieder zurückzugeben soweit es jeweils geht. Mit seinem Therapieansatz verfolgt er eine individualisierte, personenzentrierte Behandlung, die den Menschen in seinen sozialen, beruflichen und privaten Zusammenhängen berücksichtigt. Demgegenüber habe isoliertes Training einzelner Hirnfunktionen im Rahmen der Reha, wie es konventionell angeboten wird, den Nachteil, dass die Betroffenen ihre Lernerfolge nicht in ihren Alltag übertragen könnten. Abstraktes Lernen falle vielen MeH schwer. Gerade für MeH sei es aber wichtig, eine Fokussierung auf die reale Welt sicherzustellen. Er plädiere für interdisziplinären Austausch zur Vernetzung aller an einer Reha Beteiligten. Seinen Ansatz betitele er als „kontextsensitive Therapie“, die den Betroffenen in der Reha für sie sinnvolle Aufgaben stelle, sich an ihrer Lebenswelt orientiere, sich flexibel den Situationen anpasse und das soziale Umfeld stark mit einbinde. Das bedeutet in der Praxis, sich mit den Betroffenen, ihrer Selbsteinschätzung und ihren Wünschen, v.a. auch mit ihrem Leben vor der Hirnschädigung, intensiv auseinanderzusetzen: „Die Ziele liegen in den Erzählungen, denn der Blick in die Vergangenheit öffnet sich in die Zukunft“. Narrative Reha müsse „Zeit geben, das Chaos nach der Katastrophe zu ordnen“, es muss Zeit sein, den Menschen zuzuhören und sie individuell zu begleiten. Es sei inzwischen erwiesen, dass selbst gesteckte Ziele einen sehr großen Teil der Motivation von MeH ausmachen und daher auch viele positive v.a. motorische Auswirkungen zeitigen. Er gab den Tagungsteilnehmern Tipps für das Verhalten guter narrativer Therapeuten mit auf den Weg, damit der Patient nicht als zu nur bedienender Kunde, sondern im Modus der Fürsorge im positivsten Sinne verstanden werde. „MeH brauchen Therapien nicht nach Schema F. Gute Therapeuten sind flexibel“, sagt Frommelt. Dies ist inzwischen auch empirisch belegt.
Außerdem beschäftigten sich die Teilnehmer in Workshops mit Menschen mit dem sogenannten „Dysexekutiven Syndrom“ und den Bildungsrahmenplänen der WfbMs, für die im Hinblick auf MeH Veränderungsbedarf angezeigt ist.

Mit der im Alltag schwierig zu begegnenden Herausforderung durch Menschen mit Hirnschäden im sogenannten Frontallappen, beschäftigte sich der von Stefan Strabelzi, Alexianer Werkstätten Köln, geleitete Workshop. Den Betroffenen fällt es in Folge ihrer Verletzung schwer, sich sozial angepasst zu verhalten, „dysexekutives Syndrom“ (DS) nennt man das Symptom dieser Hirnverletzung. Angehörige, Arbeitskollegen in den Werkstätten und betreuende Kräfte ohne Kenntnis dieses Krankheitsbilds können nur schwer mit der damit einhergehenden Persönlichkeitsveränderung umgehen, was bei Betroffenen umgekehrt zu Missverständnissen führt und somit oft in der gegenseitigen Ablehnung endet. Der Workshop zeigte neben den Ursachen und Folgen des dysexekutiven Syndroms auf, wie man ihm im Alltag begegnen kann. Alle Teilnehmer waren sich darin einig, dass das Personal in den Werkstätten intensiv geschult werden muss für den Umgang mit MeH, um der im Vergleich zu Menschen mit geistiger Behinderung so anderen Problematik fachgerecht zu begegnen. „Ich muss nicht beleidigt sein, sondern mir muss klar sein, dass ich gerade das Symptom einer Hirnschädigung sehe, wenn mir jemand aggressiv gegenübertritt“, fasst Workshopleiter Stefan Strabelzi die Herausforderung für seine Kollegen in den Werkstätten zusammen.
Ein zweiter Workshop beschäftigte sich mit dem Pro und Contra der Einarbeitung von MeH-spezischen Anforderungen in die Rahmenbildungspläne der WfbMs. Dieses Thema wurde kontrovers diskutiert und bleibt weiterhin ein spannender Prozess, den es auf Bundesebene weiterhin gemeinsam zu bearbeiten gilt im Sinne von bedarfsorientierter Begleitung von MeH. Einen strukturell in den Werkstätten zu regelnden Bedarf sehen die einen vor allem in den Bereichen Konzentrationsförderung, Sozialverhalten, Auseinandersetzung mit der eigenen Behinderung und Steigerung kognitiver Fähigkeiten. Die anderen möchten diese Punkte eher individuell und damit einzelfallorientiert gelöst wissen innerhalb der Diagnostik und dem daraus resultierenden Teilhabeplan verankern, damit die Werkstätten wissen, woran sie sind und welche Methoden anzuwenden sind, wenn die Menschen zu ihnen kommen. Eine gute Diagnostik ermögliche einen adäquaten Teilhabeplan und eine gezielte Absprache mit den Kostenträgern. Problematisch dabei ist allerdings, dass Teilhabepläne kein bundesweit genutztes Instrument sind. Am Ende einigte sich die Gruppe auf die deutliche Forderung an Politik und Behörden, dass in Werkstätten strukturelle Voraussetzungen verbessert werden müssten, die der besonderen Beeinträchtigung von MeH besser Rechnung trägt.
Die Tagung der AG WfMeH und der Stiftung Scheuern ging zu Ende mit der Forderung nach mehr Austausch und stärkerer Vernetzung in der Begleitung von Menschen mit erworbener Hirnschädigung, sowie dem Bekenntnis zu bundesweit übergreifenden Standards in der Organisation individueller Hilfen für Betroffene: „Innovation durch Netzwerkarbeit“ zum Wohle von Menschen mit erworbener Hirnschädigung.



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